In den Staaten mit politischer Gleichberechtigung kann man in keinem Bereich die Frauen hintanstellen oder übergehen. Die Frauen zählen!
Iris von Roten, Frauen im Laufgitter (1958)
Der Kampf um Frauenrechte in der Schweiz wurde von mutigen Frauen getragen, die sich gegen gesellschaftliche und rechtliche Widerstände stellten. Schweizer Frauenrechtlerinnen haben mit Ausdauer, Fachwissen und persönlichem Einsatz den Weg zur Gleichstellung geebnet – oft Jahrzehnte vor politischen Erfolgen wie dem Frauenstimmrecht.
Dieser Artikel zeigt, wer diese Pionierinnen waren, wofür sie kämpften und weshalb ihr Engagement bis heute nachwirkt.
Frühe Wegbereiterinnen der Frauenbewegung
Marie Goegg-Pouchoulin und die Gründung der ersten Frauenorganisationen
Marie Goegg-Pouchoulin gilt als eine der ersten organisierten Frauenrechtlerinnen der Schweiz. Bereits in den 1860er-Jahren setzte sie sich öffentlich für die rechtliche und politische Gleichstellung von Frauen ein – zu einer Zeit, in der Frauen weder wählen noch politisch mitbestimmen durften.
1868 gründete sie in Genf die Association internationale des femmes, eine der ersten explizit politisch ausgerichteten Frauenorganisationen Europas. Die Organisation vernetzte Frauen aus verschiedenen Ländern und verstand sich als Plattform für den internationalen Austausch zu Gleichberechtigung, Rechtsfragen und gesellschaftlicher Teilhabe. Ziel war nicht Anpassung, sondern strukturelle Veränderung.
Die Association setzte sich unter anderem für das Frauenstimmrecht, gleiche Bildungschancen und die rechtliche Gleichstellung in Ehe und Familie ein. Goegg-Pouchoulin nutzte Publikationen, öffentliche Vorträge und internationale Kontakte, um feministische Forderungen in politische Debatten einzubringen. Damit legte sie einen Grundstein für spätere Frauenorganisationen in der Schweiz und darüber hinaus.
Emilie Kempin-Spyri – Erste Juristin der Schweiz
Emilie Kempin-Spyri schrieb Rechtsgeschichte – und scheiterte dennoch am System. Sie war die erste Frau mit einem juristischen Doktortitel in der Schweiz, durfte jedoch nicht als Anwältin arbeiten, weil Frauen keine politischen Rechte hatten.

Kempin-Spyri promovierte 1887 an der Universität Zürich als erste Frau der Schweiz im Fach Rechtswissenschaften. Nach ihrem Studium beantragte Kempin-Spyri die Zulassung als Anwältin im Kanton Zürich. Ihre Argumentation: Der Gleichheitsartikel der Bundesverfassung spreche von „Schweizern“ – und dieser Begriff müsse verfassungskonform auch Frauen einschliessen, da das Recht keine geschlechtsspezifische Einschränkung kenne. Die Richter erklärten, der Begriff „Schweizer“ sei „historisch-männlich“ zu verstehen. Damit wurde höchstrichterlich festgehalten, dass Frauen trotz Staatsangehörigkeit keine Trägerinnen politischer Rechte seien.
Da ihr der Zugang zu klassischen juristischen Berufen verwehrt blieb, wandte sich Kempin-Spyri der Lehre zu. 1891 habilitierte sie sich an der Universität Zürich – erneut als erste Frau. Formal durfte sie unterrichten, faktisch blieb sie jedoch ohne festen Lohn, ohne ordentliche Professur und ohne institutionelle Absicherung. Ihre Vorlesungen zu Staatsrecht und Zivilrecht waren gut besucht, doch ihre Stellung blieb prekär. Die Universität profitierte von ihrer Arbeit, verweigerte ihr jedoch die Anerkennung auf Augenhöhe.
1895 emigrierte Emilie Kempin-Spyri in die USA, wo sie an der New York University unterrichtete und eine eigene Rechtsschule für Frauen mitgründete. Selbst dort blieb der finanzielle und gesellschaftliche Druck hoch. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz verschlechterte sich ihre psychische und wirtschaftliche Situation massiv. Sie starb 1901 im Alter von nur 42 Jahren, weitgehend isoliert und verarmt.
Meta von Salis – Radikale Denkerin und unbequeme Stimme
Meta von Salis war eine der intellektuell schärfsten und zugleich umstrittensten Figuren der frühen Schweizer Frauenbewegung. Als Historikerin, Publizistin und eine der ersten Frauen mit Doktortitel in der Schweiz verband sie akademisches Denken mit politischer Provokation.

Meta von Salis lehnte den damals verbreiteten Ansatz ab, Frauenrechte über „weibliche Tugenden“ oder soziale Ergänzungsrollen zu legitimieren. Ihr Standpunkt war klar: Frauen seien nicht moralisch anders, sondern politisch entrechtet. Von Salis forderte kompromisslos gleiche Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit und politische Rechte für Frauen.
Ab den 1890er-Jahren veröffentlichte Meta von Salis zahlreiche Artikel und Essays in Schweizer und deutschen Zeitungen. Besonders bekannt wurden ihre Texte, in denen sie das Frauenbild der Zeit als bewusstes Herrschaftsinstrument analysierte.
Ihre Texte kritisierten offen die männlich dominierte Gesellschaft – und auch Teile der bürgerlichen Frauenbewegung, die ihr zu angepasst erschienen. Damit isolierte sie sich teilweise, prägte aber den radikalen Flügel des frühen Feminismus entscheidend.
Helene von Mülinen als Organisatorin der bürgerlichen Frauenbewegung
Ganz im Gegensatz zu Meta von Salis gehörte Helene von Mülinen zur bürgerlich-liberalen Elite und war keine Provokateurin, sondern eine Netzwerkerin. Ein zentrales Anliegen von von Mülinen war die höhere Bildung für Frauen. Sie vertrat die klare Position, dass politische Rechte ohne Bildung leer bleiben.

Der wichtigste Meilenstein ihres Wirkens war die Mitgründung des Bundes Schweizerischer Frauenvereine (BSF) im Jahr 1900, dem heutigen Dachverband alliance F. Der BSF vereinte erstmals zahlreiche lokale und thematische Frauenvereine unter einem nationalen Dach.
Clara Ragaz – Pazifismus, Sozialismus und Frauenrechte
Clara Ragaz verband Frauenrechte mit sozialer Gerechtigkeit und Friedensarbeit. Geboren 1874 in Chur, engagierte sich Ragaz bereits als junge Lehrerin in der sozialen Arbeit. Der direkte Kontakt mit Arbeiterfamilien, Armut und prekären Lebensverhältnissen prägte ihre politische Haltung. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem reformierten Theologen Leonhard Ragaz, gehörte sie zu den führenden Köpfen des religiösen Sozialismus in der Schweiz. Clara Ragaz kritisierte die bürgerliche Frauenbewegung offen dafür, sich zu stark auf formale Rechte zu konzentrieren und soziale Ungleichheit auszublenden.

Der Erste Weltkrieg markierte einen Wendepunkt: 1915 nahm Clara Ragaz am Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag teil, wo Frauen aus verfeindeten Ländern gemeinsam gegen Krieg und Militarismus auftraten. Aus diesem Umfeld entstand die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Ragaz wurde 1929 Präsidentin der IFFF und behielt dieses Amt bis 1946. Unter ihrer Führung entwickelte sich die Organisation zu einer der wichtigsten internationalen Stimmen gegen Aufrüstung, Nationalismus und Krieg.
Else Züblin-Spiller – Soziale Reform statt politischer Parolen
Geboren 1881 in Zürich, wuchs Züblin-Spiller in einem bürgerlich-sozial engagierten Umfeld auf. Früh erkannte sie, dass Frauen – insbesondere Arbeiterinnen und Dienstmädchen – unter prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen litten: lange Arbeitszeiten, unsichere Unterkünfte, Alkoholmissbrauch im Umfeld und fehlende soziale Absicherung.

Ab 1913 engagierte sich Else Züblin-Spiller im Aufbau und Betrieb alkoholfreier Arbeiterinnenheime in mehreren Schweizer Städten. 1919 wurde sie Zentralsekretärin der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenarbeit (SGF). In dieser Funktion professionalisierte sie soziale Frauenarbeit landesweit. Unter ihrer Leitung entstanden Standards für Heimführung, Ausbildung des Personals und Finanzierung sozialer Einrichtungen.
Die Frauenbewegung im 20. Jahrhundert
Iris von Roten und Frauen im Laufgitter
Iris von Roten löste 1958 mit ihrem Buch Frauen im Laufgitter eine gesellschaftliche Schockwelle aus. Schonungslos analysierte sie die strukturelle Unterdrückung von Frauen in Ehe, Recht und Arbeitswelt.
Frauen im Laufgitter erschien in einer Schweiz, in der Frauen kein Stimmrecht, nur eingeschränkten Zugang zu Berufen und kaum rechtliche Selbstbestimmung innerhalb der Ehe hatten. Zentral war ihre These, dass die Unterordnung der Frau kein Naturzustand, sondern das Ergebnis eines rechtlich und kulturell abgesicherten Systems sei. Sie analysierte:
- das Eherecht, das Frauen wirtschaftlich abhängig machte
- das Arbeitsrecht, das Frauen systematisch schlechter stellte
- die politische Ordnung, die Frauen bewusst ausschloss
- die Sozialisation von Mädchen zur Anpassung und Selbstbeschränkung
Besonders provokativ war ihre Forderung nach ökonomischer Unabhängigkeit, freier Berufswahl und der Abschaffung der rechtlichen Vormachtstellung des Ehemanns.
Das Werk wurde heftig kritisiert, teilweise verteufelt, Iris von Roten wurde als „männerfeindlich“, „zersetzend“ oder „unweiblich“ diffamiert. Von Roten stellte nicht nur Gesetze infrage, sondern auch Rollenbilder und männliche Machtansprüche. Rückblickend gilt sie als eine der einflussreichsten feministischen Stimmen der Schweiz.
🎧 Mehr dazu:
Marie Boehlen – Politisches Engagement nach dem Frauenstimmrecht
Marie Boehlen steht exemplarisch für eine Generation von Frauen, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 politische Verantwortung übernahmen. Sie engagierte sich in der Sozialdemokratischen Partei (SP) und wurde in den Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt gewählt.
👉 Mehr zu Schweizer Frauen in der Politik findest du auch in unserem Artikel über die Bundesrätinnen der Schweiz.
Später folgte der Schritt auf Bundesebene: 1971 wurde sie in den Nationalrat gewählt, wo sie bis in die frühen 1980er-Jahre politisch wirkte. Boehlen kritisierte offen, dass Frauen zwar nun wählen und gewählt werden durften, Entscheidungsprozesse jedoch weiterhin stark männlich geprägt blieben. Sie forderte mehr Frauen in Kommissionen, Exekutiven und Führungsfunktionen. Sie engagierte sich für soziale Gerechtigkeit, Familienpolitik und Gleichstellung im Alltag.
Marthe Gosteli – Hüterin der feministischen Erinnerung

Marthe Gosteli kämpfte nicht nur für das Frauenstimmrecht, sondern vor allem dafür, dass die Geschichte dieses Kampfes nicht vergessen geht. Nach der Einführung des Stimmrechts erkannte sie, wie schnell die Leistungen von Frauen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwanden.
Mit dem Aufbau des Gosteli-Archivs in Worblaufen schuf sie das wichtigste Archiv zur Geschichte der Frauenbewegung in der Schweiz. Briefe, Flugblätter, Protokolle und persönliche Nachlässe wurden dank ihr bewahrt und wissenschaftlich zugänglich gemacht. Ohne Marthe Gosteli wäre ein grosser Teil der feministischen Geschichte schlicht verloren.
Regionale Kämpfe und Erfolge
Theresia Rohner und das Frauenstimmrecht in Appenzell Innerrhoden
Theresia Rohner kämpfte gegen eine der letzten Bastionen des Ausschlusses. Während Frauen auf Bundesebene seit 1971 stimmberechtigt waren, blieb ihnen das kantonale Stimm- und Wahlrecht in Appenzell Innerrhoden fast zwanzig Jahre länger verwehrt.
Appenzell Innerrhoden berief sich hartnäckig auf die Tradition der Landsgemeinde, bei der Stimmberechtigte öffentlich per Handerheben abstimmen. Dieses politische Ritual wurde jahrzehntelang als Argument gegen das Frauenstimmrecht verwendet: Frauen würden das „Wesen der Landsgemeinde“ verändern. Zwischen 1973 und 1989 lehnte die männliche Stimmbevölkerung an der Landsgemeinde das Frauenstimmrecht mehrfach ab – trotz wachsendem Druck aus der übrigen Schweiz und klarer gesellschaftlicher Mehrheiten zugunsten der Gleichstellung.

Quelle: Ölbild eines unbekannten Malers. [Museum Appenzell], http://www.ai.ch/de/portrait/geschichte/welcome.php?action=showinfo&info_id=206, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27498843
Theresia Rohner gehörte zu jener kleinen Gruppe von Frauen, die bereit waren, den institutionellen Konflikt offen auszutragen. Sie unterstützte und trug eine staatsrechtliche Beschwerde mit, die sich direkt gegen den Ausschluss von Frauen richtete.
Am 27. November 1990 fällte das Bundesgericht dann das historische Urteil: Appenzell Innerrhoden müsse Frauen das Stimm- und Wahlrecht gewähren, auch wenn dies eine Anpassung der Landsgemeinde bedeute.
📺 Der historische Moment:
👉 Mehr zur Geschichte des Wahlrechts für Frauen in in der Schweiz.
Susanna Woodtli – Historikerin des Feminismus
Susanna Woodtli hat die Geschichte der Schweizer Frauenbewegung wissenschaftlich aufgearbeitet und zugänglich gemacht. Ab den 1970er-Jahren, parallel zur Einführung des Frauenstimmrechts 1971, begann Woodtli die Geschichte der Frauenbewegung historisch aufzuarbeiten. Zentral war dabei ihre Erkenntnis, dass die Schweizer Frauenbewegung keine homogene Bewegung war. Bürgerliche, sozialistische, religiöse und radikal-emanzipatorische Strömungen existierten nebeneinander.
Mit ihren Publikationen – darunter Studien zur Geschichte des Frauenstimmrechts und zur organisierten Frauenbewegung – schuf Woodtli eine wissenschaftliche Grundlage, auf die sich spätere Historikerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen stützen konnten. Ohne Historikerinnen wie Woodtli gäbe es viele Namen, Kämpfe und Strategien der Schweizer Frauenbewegung heute schlicht nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein.
Über Generationen hinweg: Frauenarbeit für die schweizerische Gleichstellung
Über alle Etappen hinweg zeigt sich ein klares Muster der schweizerischen Frauenrechtsgeschichte: Fortschritt entstand nie plötzlich, sondern über Jahrzehnte konsequenter Arbeit, getragen von sehr unterschiedlichen Frauen, Strategien und Forderungen.
In der frühen Phase standen rechtliche und politische Grundsatzfragen im Zentrum – mit Figuren wie Marie Goegg-Pouchoulin in Genf, die Frauenrechte erstmals offen als Bürgerrechte formulierte, oder Emilie Kempin-Spyri, die über das Recht selbst den Ausschluss von Frauen sichtbar machte. Ebenso lag der Fokus der Arbeit auf Organisation, Bildung und soziale Reform, etwa bei Helene von Mülinen, Clara Ragaz oder Else Züblin-Spiller, die Gleichstellung über Vereine, Sozialpolitik und internationale Netzwerke vorantrieben.
Im 20. Jahrhundert wurden die Forderungen direkter und systemkritischer: Iris von Roten attackierte die rechtlichen Grundlagen der Ungleichheit, der Kampf um das Wahlrecht spitzte sich zu und mündete schliesslich in dessen Einführung 1971. Danach ging es um politische Teilhabe, Erinnerung und Durchsetzung im Alltag – sichtbar bei Marie Boehlen, Marthe Gosteli, Theresia Rohner und Susanna Woodtli. Zusammen erzählen diese Biografien eine schweizerische Geschichte der Gleichstellung, die über Generationen hinweg von beharrlicher Arbeit, klaren Forderungen und dem langen Weg vom Ausschluss zur Einführung politischer Rechte geprägt ist.
👉Dazu gehören übrigens auch die Frauenstreiks von 1991, 2019 und 2023.
Mit KI zusammenfassen:








