Wenn am Abend des 5. Dezember in Küssnacht am Rigi die Strassenbeleuchtung erlischt, ein Böllerschuss die Nacht zerreisst und sich ein Zug aus Geisselchlepfern, Iffelenträgern, Musikanten, Trychlern und Hornbläsern durch das Dorf bewegt, wird ein Brauch lebendig, der weit über die Region hinaus bekannt ist: das Küssnachter Klausjagen.
Das Klausjagen ist eines der bekanntesten Volksfeste der Zentralschweiz. In Küssnacht wird es jedes Jahr am 5. Dezember gefeiert und zieht Tausende Schaulustige an. Die Tradition besteht aus einem nächtlichen Umzug mit Fackeln, Schellen, Trommeln und dem imposanten „Gloggeler“.
Es ist ein lebendiges Zeugnis regionaler Identität, dessen Wurzeln bis in mittelalterliche Glaubensvorstellungen und Bräuche reichen. Ursprung und Bedeutung sind eng mit dem heiligen Nikolaus von Myra verbunden.
Was bedeutet „Klausjagen“?
Der Name lässt an eine „Jagd“ auf den Samichlaus denken. Tatsächlich spielt der Chlaus im Umzug eine zentrale Rolle: Er schreitet würdig mit, begleitet von Schmutzli und Fackelträgern, während hinter ihm der mächtige Klangkörper der Trychler und Hornbläser folgt.
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In vielen Regionen der Schweiz und des Alpenraums steht der Chlaus im Zusammenhang mit Hausbesuchen und Kindererziehung. Dort treten oft Figuren wie der Schmutzli als strafende oder mahnende Begleiter auf. Im Gegensatz dazu ist das Klausjagen in Küssnacht am Rigi kein Kinderbrauch.
Gleichzeitig ist das Wort „jagen“ historisch nämlich auch als Vertreiben/Verjagen lesbar – und genau in dieser Richtung liegen viele Erklärungen der Ursprünge.
📺 Und so sieht das Ganze dann aus:
Klausjagen: Vermutete Wurzeln
Woher genau kommt das Jagen also? Für die Frühzeit gibt es kaum schriftliche Belege. Aber ein paar Vermutungen:
Lärmbräuche, Winter und „Geister vertreiben“
Für die Menschen früherer Zeiten waren die Wochen im Dezember eine besonders herausfordernde Zeit. Die Tage waren kurz, die Nächte lang, und Kälte sowie Dunkelheit bestimmten den Alltag. Diese Phase rund um die Wintersonnenwende galt als unsicher und unberechenbar. Man glaubte, dass in dieser Zeit böse Geister oder dunkle Mächte unterwegs seien, die Unglück, Krankheit oder Missernten bringen könnten.
Um sich davor zu schützen, versuchte man, diese Kräfte mit Lärm zu vertreiben. Das Knallen von Geisseln, das Läuten von Schellen und das rhythmische Erzeugen von Krach sollten abschrecken und gleichzeitig Sicherheit geben. Der Lärm hatte dabei nicht nur eine symbolische Bedeutung, sondern stärkte auch das Gemeinschaftsgefühl: Gemeinsam war man der Dunkelheit weniger ausgeliefert.
Neben dem Vertreiben von Geistern spielten vermutlich auch Fruchtbarkeitsvorstellungen eine Rolle. In manchen Gegenden glaubte man, dass das Umkreisen von Obstbäumen oder Feldern mit Schellen und Glocken das Wachstum im kommenden Jahr fördern könne. Der Lärm sollte die Natur „aufwecken“ und für eine gute Ernte sorgen.
Solche Vorstellungen finden sich nicht nur in Küssnacht, sondern in vielen Teilen Europas. Winter- und Lärmbräuche sind weit verbreitet und haben oft ähnliche Elemente: Dunkelheit, Licht, laute Geräusche und gemeinsames Handeln. Sie markieren den Übergang vom alten zum neuen Jahreskreis und helfen den Menschen, diese schwierige Zeit bewusst zu gestalten.
Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass diese frühen Erklärungen nicht eindeutig bewiesen werden können. Sie beruhen auf Vergleichen mit ähnlichen Bräuchen und auf volkskundlichen Deutungen. Beim Klausjagen in Küssnacht lässt sich deshalb kein klarer Ursprung festlegen. Wahrscheinlich ist der heutige Brauch aus verschiedenen Einflüssen entstanden, die sich im Laufe der Zeit miteinander vermischt haben.
Bräuche rund um den Nikolaus
Neben möglichen vorchristlichen Ursprüngen gibt es eine zweite, ebenso wichtige Erklärungslinie für das Klausjagen: das Nikolausbrauchtum selbst. Der Heilige Nikolaus war im Mittelalter eine sehr populäre Figur, besonders als Schutzpatron der Kinder, der Armen und der Seefahrer. Sein Gedenktag am 6. Dezember wurde in vielen Regionen feierlich begangen und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Eine wichtige Rolle spielten dabei sogenannte Bischofsspiele, die im Spätmittelalter vor allem in Klosterschulen verbreitet waren. Schülerinnen und Schüler stellten in diesen Spielen den Nikolaus als Bischof dar, oft in Form kleiner Umzüge oder szenischer Darstellungen. Diese Aufführungen verbanden religiöse Inhalte mit volkstümlichen Elementen und waren bei der Bevölkerung sehr beliebt. Von diesen schulischen und kirchlichen Traditionen aus verbreiteten sich Nikolausumzüge in vielen Teilen Mitteleuropas.
Auch in der Schwyz entwickelten sich daraus unterschiedliche Formen von Nikolausbräuchen. Während der Chlaus in vielen Gegenden vor allem als Besuchsfigur in Familien auftritt, entstanden andernorts öffentliche Umzüge mit festgelegten Rollen und Symbolen. Das Klausjagen in Küssnacht ist ein besonders eindrucksvolles und öffentlichkeitswirksames Beispiel für einen Klausumzug.
Der starke Bezug zum Nikolaus erklärt, warum beim Klausjagen so viel bischöfliche Symbolik zu sehen ist.
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Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert: zwischen Volksfest und Obrigkeit
In Küssnacht findet das Klausjagen seit der frühen Neuzeit statt. In älteren Formen soll es weniger „romantisch“ gewesen sein: Überlieferungen sprechen von Burschen, die durchs Dorf zogen, Lärm machten und die Bevölkerung anpöbelten, um Esswaren und Getränke zu erhalten.
Solche Formen von Winterbräuchen standen nicht selten in Spannung zu Kirche und Behörden.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts lässt sich vielerorts beobachten, dass lokale Bräuche „gezähmt“ und stärker religiös gerahmt wurden: Das Spektakel blieb, bekam aber festere Regeln, Symbolik und Akteure.
1900–1930: Musik, Ordnung und Vereinsstruktur
Für die heutige Form des Klausjagens ist besonders die Zeit im frühen 20. Jahrhundert entscheidend:
- 1912 wird die markante Klausen-Melodie (Dreiklang) erwähnt, die bis heute zum akustischen Markenzeichen gehört.
- 1928 wird die Küssnachter St. Niklausengesellschaft gegründet . Mit dem Ziel, das Fest „in geordnete Bahnen zu lenken“.
Ein Verein übernimmt Verantwortung für Ablauf, Regeln, Rollen (Wer läuft wo? Wer trägt was?), Nachwuchspflege und „Qualitätsstandards“. Damit wird aus einer eher wilden Tradition ein grosses, aber kontrolliertes Ritualereignis.
Iffelen, Trycheln und Geisseln
Drei zentrale Elemente prägen das die Tradition in Küssnacht bis heute und machen den Umzug unverwechselbar. Sie sprechen verbinden Licht, Klang und Bewegung zu einem eindrucksvollen Gesamtbild:
Iffelen
Die Iffelen sind das auffälligste und bekannteste Merkmal des Klausjagens. Es handelt sich um kunstvoll gestaltete, von innen beleuchtete Kopfbauten, die von den Trägern auf dem Kopf getragen werden. Ihre Formen erinnern oft an Kirchenfenster, Rosetten oder symmetrische Ornamente. Häufig zeigen sie religiöse Symbole, historische Motive oder abstrahierte Muster. Je nach Jahr ziehen bis zu rund 250 Iffelen im Umzug mit.

Iffelen basieren auf der Form von Bischofsmützen.
Bild: Braun, J. (1911). Mitre. In The Catholic Encyclopedia, Gemeinfrei
Trycheln und Lärminstrumente
Den akustischen Gegenpol zu der stillen Iffele bildet der Harst der Klausjäger mit Trycheln und anderen Lärminstrumenten. Die schweren Treicheln werden rhythmisch geschwungen und erzeugen einen dichten, gleichmässigen Klangteppich, der weit über das Dorf hinaus hörbar ist.
Ursprünglich nutzte man einfache Kuhglocken, wie sie im bäuerlichen Alltag vorhanden waren. Mit der Zeit entwickelten sich jedoch grössere und speziell gefertigte Trycheln, die einen tieferen und kraftvolleren Klang erzeugen. Daneben entstanden regionale Besonderheiten wie Senten-Trycheln oder das sogenannte Klopfen, bei dem Holz oder Metall rhythmisch geschlagen wird.
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Geisselchlepfer
Den Beginn des Umzugs machen traditionell die Geisselchlepfer. Mit langen Peitschen erzeugen sie laute Knallgeräusche, die rhythmisch aufeinander abgestimmt sind. Diese Aufgabe erfordert viel Übung, Kraft und Koordination, da ein falscher Schlag gefährlich sein kann.
Das Geisselknallen wird oft als eines der ursprünglichsten Elemente des Klausjagens verstanden. Es passt besonders gut zu den Deutungen, wonach Lärm dazu diente, böse Geister oder Unheil zu vertreiben.
Vorbereitung und handwerkliche Arbeit
Ein zentraler, aber für die Zuschauenden meist unsichtbarer Bestandteil des Klausjagens ist die monatelange Vorbereitung. Besonders der Bau der Iffelen erfordert viel Zeit, handwerkliches Geschick und Erfahrung. Viele Iffelenträger beginnen bereits Wochen oder Monate vor dem 5. Dezember mit der Planung und Umsetzung ihrer Kopfbauten.
Eine Iffele besteht traditionell aus einem leichten Gerüst aus Holz oder Karton, das mit farbigem Transparentpapier verkleidet wird. Die Motive sind symmetrisch gestaltet und erinnern an Kirchenfenster, religiöse Symbole, Ornamente oder historische Darstellungen. Beleuchtet werden sie von innen – früher ausschliesslich mit Kerzen, heute aus Sicherheitsgründen zunehmend mit LED-Licht.
Der Bau der Iffelen ist nicht nur eine handwerkliche Tätigkeit, sondern auch ein kultureller Lernprozess: Techniken, Formen und Regeln werden häufig innerhalb von Familien oder Gruppen weitergegeben. Damit leistet die Vorbereitung einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Brauchs und stärkt zugleich den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde.
Das Klausjagen heute: Ritualisierte Grossveranstaltung
In seiner heutigen Form ist das Klausjagen ein Grossanlass: Der Umzug beginnt am Abend, Küssnacht verdunkelt sich, und eine grosse Zahl Teilnehmender zieht durch das Zentrum; oft mit zehntausende Zuschauer.
Der Ablauf ist strukturiert: vorne die Geisseln, dann Iffelen, Samichlaus, Musik, die grosse Trychlergruppe und zum Schluss die Hörner. Inmitten von Lärm, Dunkelheit und Bewegung entsteht ein wiedererkennbares, gemeinschaftsstiftendes Muster.
Der Ursprung des Küssnachter Klausjagens liegt nicht in einer einzigen Quelle, sondern in einer Überlagerung: winterliche Lärm- und Vertreibungsriten, spätmittelalterliche Kirchentraditionen und lokale Dorfgeschichte.
Die historische Entwicklung zeigt dann eine deutliche Linie: vom wahrscheinlich raueren, weniger geregelten Volksbrauch hin zur organisierten, symbolisch aufgeladenen Prozession, getragen von Vereinsstrukturen seit 1928.
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